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Wege aus der Angst


Angst ist nichts Schlechtes. Angst ist vielmehr ein universeller und auch nützlicher Teil des menschlichen Verhaltensrepertoires. Ängste können aber auch zu häufig und zu intensiv auftreten, oder sie treten in Situationen auf, die keinen offenkundigen Anlass zu Angst liefern, sondern dessen Anlass künstlich erzeugt werden. Dem Menschen wird eine Realität illustriert, vor der er Angst haben sollte und das löst dann dieselben Reaktionen aus, als wären wir bereits in dieser Situation. Unsere Reaktionen sind dann eben wie sie sind, nicht weil wir es nicht anderes wollen, sondern weil wir neurologisch gar nicht anders können. Und der der Angst erzeugt, steuert andere. Das kann gut sein, oder auch ausgenutzt werden. Und so ist in den letzten Monaten viel mit Angst operiert worden. Es galt eine gesamte Gesellschaft in ihrem Verhalten zu steuern. Und die Wirkung war beeindruckend.

Gleich vorweg: ich möchte keineswegs COVID-19 als harmlose Erkrankung darstellen (wie es leider allzu oft von Verschwörungstheoretikern gemacht wird). Als Mathematiker reicht ein realistischer Blick auf die Reproduktionszahlen, um zu wissen wozu uns sehr rasch ein unkontrollierter Ausbruch im Gesundheitswesen führen kann. Als Organisationsentwickler waren die letzten Monate aber sehr interessant zu beobachten, wie mit Ängsten in der Bevölkerung gespielt wurde, weil wir dieses Phänomene allzu oft auch in Unternehmen beobachten können. Seit langer Zeit wissen wir, dass physische Gewalt dieselben Reaktionen auslösen in unserem Gehirn wie psychische Gewalt und die Angst ist nur eine Vorstufe zum Gewaltakt. Schon in der Kindheit wird uns Angst gemacht. „Wann Du nicht brav lernst, dann passiert …“ und dieses Lernen nehmen wir dann in den Berufsalltag mit. Es ist ein Ursachen-Wirkungsprinzip, das uns suggeriert wird, ein Prinzip was negative Emotionen erzeugt.

Bei organisationalen Veränderungen erleben wir oft, dass die Notwendigkeit zur Veränderung mit der Angst erzeugt wird. „Wenn wir die Reorganisation nicht machen, überleben wird nicht“ ist dabei eine sehr einfache Botschaft, die allerdings mit einer Existenzdrohung gleich verbunden wird. Das erzeugt aber gerade die Angst vor der Veränderung. Wir haben nämlich nur dann Angst vor Veränderungen, wenn wir sie als Bedrohung sehen und uns schwach oder hilflos fühlen, uns also nicht zutrauen, mit dem Neuen und Unbekannten umgehen zu können. Der deutsche Hirnforscher Gerald Hüther sagte vor kurzen in einem Interview mit der Berner Zeitung: „Unser Gehirn mag am liebsten einen Zustand, in dem alles zusammenpasst. Bei Schwierigkeiten will unser Gehirn schnelle Lösungen, damit es wieder zurück in den Energiesparmodus kann.“ Und all das ist in einem Veränderungsprozess nur selten der Fall.

Es gibt aber auch in solchen Situationen ganz andere Menschen; es gibt Menschen, denen Angst völlig fremd ist: Auch im Angesicht von schwerwiegenden Veränderungen, oder sogar Katastrophen bleiben sie ruhig oder neigen in Situationen zu Leichtsinn, in denen Angst normalerweise eine wichtige Schutzfunktion übernimmt. Neurologen haben mittels funktionelle Magnetresonanztomografie (fMRT) herausgefunden, dass im Gehirn ein Schaltkreis für Angst und Flucht mit einem anderen konkurriert - nämlich jenem, der Furcht unterdrückt. Jene Leute die eine höhere Angstreaktion erzeugen, zeigen eine starke Aktivität in der Amygdala (auch Mandelkern im unserem Gehirn genannt). Die Amygdala ist bereits für ihre Bedeutung bei der Entwicklung von Furcht bekannt. Offenbar allerdings ging erhöhte Angst auch mit einer ungewöhnlich geringen Aktivität im ventralen präfrontalen Kortex einher. Dieser Teil im Vorderhirn ist dafür zuständig, Ängste und Sorgen zu bewerten und zu überwinden. Wir sind daher in der Lage in diesem Bereich unsere Angst zu regulieren.

Es gibt somit einen anderen Weg. Wir sollten über den präfrontalen Kortex die positiven Erlebnisse stärken. Das stärkt unser Sicherheitsbedürfnis und wir erleben die Veränderung nicht als Destablilitätsfaktor. Unser Handeln ist das Mittel zum Zweck zu einer positiven Entwicklung. Wir handeln autonom mit hoher Selberverantwortung uns, aber auch unseren Mitmenschen bzw. Kollegen gegenüber. Angst bewegt uns kurzfristig und das ist einfach. Diesen Hang zum Kurzfristigen kann man nur überwinden, indem man ein längerfristiges Anliegen verfolgt, an das man glaubt. So wie wir das positive Zukunftsbild in einem erfolgreichen Change-Prozess brauchen, so brauchen wir in Zeiten wie diesen mehr denn je ein Bild wo wir die Gesellschaft nach der Corona-Krise hinführen wollen – da ist die Politik extrem gefordert. Nur dann werden wir die Krise ohne Angst bewältigen.

Im September soll das neue Buch von Gerald Hüther erscheinen: „Wege aus der Angst“. Ich freue mich auf seine Ansichten dazu und vielleicht können wir daraus auch wieder die eine oder andere Idee bzw. Erkenntnis für das Organisationsdesign übernehmen. 

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